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Hallo, Alfons

Es ist wohl auch Unterschiede zwischen einem Katastrophenfall oder auch nur einem Unfall und etwa der Entscheidung, ob in diesem und jenem Ort eine Fabrik gebaut werden soll und wenn ja unter welchen Auflagen oder andere Dinge, die nicht so unbedingt jetzt blitzschneller Handlungen bedürfen. Da würde ich auch wieder einmal nicht alles über einen Kamm scheren.

Du beschreibst übrigens in deinem letzten Beitrag selbst die Teilung der Führung. Sehe da nur ich einen Widerspruch?

Livia
@raidy: 110% ACK!

Leider funktioniert das mit der Führung meist nur solange gut, solange der Führer ein hehres Ziel verfolgt und nicht die persönlichen Vorteile im Vordergrund stehen...

Dann darf er sogar auch seinen persönlichen Profit mit einbauen, aber die eigentliche Aufgabe darf sie nicht werden!

(Hab ich schon erwähnt, dass ich den FJS gar nicht sooo verkehrt fand? Der hat AUCH in die eigene Tasche gewirtschaftet, letztenendes hat er aber immer ein wichtigeres Ziel vor Augen gehabt...)

LG

Alfons
Anneli schrieb:Nun ja, mir würde noch ein radikales Mittel zur Erzwingung von echten Führungsqualitäten einfallen. Die alten Germanen, zumindest dem Vernehmen nach manche Stämme, haben jedes Jahr entschieden, ob ihr Häuptling eine gute Politik gemacht hat. Wenn nicht, Rübe runter. Wenn ja, jeder erreichbare Luxus.
<wäre interessant zu spekulieren, wer unter solch einer Bedingung noch scharf aufs Regieren wäre Big Grin - Merkel? Westerwelle?>

Würde mir nicht schlecht gefallen ;-)
Das Problem dabei: Das funktioniert eben nur in kleinen Einheiten, wo jeder jeden kennt und die soziale Kontrolle funktioniert. Nicht aber wenn Deutschland mit 80 Mio oder auch nur Österreich mit 8 Mio Ew abstimmen soll. Nicht zuletzt, weil man wesentlich leichter jemanden die Rübe abhackt, den man nicht kennt, und wenn man selbst nicht hacken muss.

Smile
Livia
Mohnnudel schrieb:Hallo, Alfons

Es ist wohl auch Unterschiede zwischen einem Katastrophenfall oder auch nur einem Unfall und etwa der Entscheidung, ob in diesem und jenem Ort eine Fabrik gebaut werden soll und wenn ja unter welchen Auflagen oder andere Dinge, die nicht so unbedingt jetzt blitzschneller Handlungen bedürfen. Da würde ich auch wieder einmal nicht alles über einen Kamm scheren.

Du beschreibst übrigens in deinem letzten Beitrag selbst die Teilung der Führung. Sehe da nur ich einen Widerspruch?

Livia

Der Widerspruch ist nicht wirklich vorhanden. Jeder hat seine klaren Aufgaben und ist in diesen absolut führungsberechtigt. Der LNA macht NUR die medizinische Seite, der OrgL kümmert sich um die Organisation, z.B. wo werden die Stationen aufgebaut, wer macht was, wo stehen die Autos, An- und Abfahrtswege....

Meist gibt es dann auch noch eine Ebene darüber, oft von der Feuerwehr gestellt, die den gesamten Einsatz mit allen beteiligten Organisationen (FW, SAN, POL,...) koordiniert. In Bayern ist das der sogenannte Örtliche Einsatzleiter (ÖEL), in den anderen Ländern in D der Technische Einsatzleiter (TEL).

In sehr großen Lagen wird dann wiederum eine Ebene darüber installiert, z.B. auf Landkreis-, Bezirks-, Landes-, oder gar Bundesebene. Das ist immer abhängig von der Ausdehnung des Schadensgebietes und den betroffenen Strukturen.

In den Entscheidungen, wann was wo z.B. gebaut werden darf, ist es natürlich nötig, die Betroffenen zu hören und ihre Bedenken zu berücksichtigen. Aber momentan hängt beispielsweise die Umstellung der Kommunikation der Hilfsorganisationen auf digitale Funktechnik wieder mal in der Luft, weil manche Leute Panik haben wegen der Funkmasten... Physikalisch und medizinisch totaler Nonsens...

Manchmal müssen eben Entscheidungen einfach getroffen werden, auch im "Normalfall", sonst dreht sich alles im Kreis....

LG

Alfons
Gatling schrieb:Manchmal müssen eben Entscheidungen einfach getroffen werden, auch im "Normalfall", sonst dreht sich alles im Kreis....

Das ewige Problem der sogenannten Basisdemokratien.
Und im Grunde entspricht dein System auch meinem Ideal: Führung durch eine Reihe kompetenter Leute, die sich zusammenreden und möglichst unter Mitsprache der Betroffenen.
Wie das in der Praxis umgesetzt werden könnte, weiß ich allerdings nicht.

Livia
@ Livia
Sowas gibts bzw gäbe es:
Ich plädiere so ganz für mich schon seit ca. 20 Jahren dafür, die Konsensdemokratie bzw Palaverdemokratie einzuführen.

Das ginge so:
1. Jede Person, auch die Kinder, soweit sie schon sprechen kann, ist eine politische Einheit bzw. Stimme.
2. Personen bilden kleine soziale Gemeinschaften: Paar, Familie, Wohngemeinschaft, Mietergemeinschaft, Straßengemeinschaft, Dorfgemeinschaft usw. Je nach Gegebenheit wird der 1. Konsenskreis bestimmt, zB die Familie (wobei ein Single und auch ein Paar jeweils als eine Familie gelten). Anstehende Entscheidungen werden regelmäßig im 1. Konsenskreis vorgetragen (zB wöchentlich). Jedes Mitglied kann wichtige Punkte auf die Tagesordnung setzen lassen, gemeinsam wird entschieden, welche Priorität die Punkte haben.
2. Jeder 1. Konsenskreis wählt einen Repräsentanten (muss nicht immer derselbe sein, ok - bei Singles wohl schon). Dieser wird zu den regelmäßigen Treffen des 2. Konsenskreises geschickt, um dort die Entscheidung seines Kreises zu vertreten, soweit sie Angelegenheiten außerhalb dieses Kreises betreffen.
3. Zweite Konsenskreise sind dann zB die Mietergemeinschaft, Dorf-, Straßen- oder Stadtteilgemeinschaft. Auch dort werden die anstehenden TOP's gesammelt und nach Prioriäten geordnet. Im Palaver werden die Enscheidungen getroffen. Nach Sichtung, was noch weiter nach "oben" gehört, wird nun wiederum hier ein Repräsentant gewählt und zum 3. Kreis geschickt. Etc.

Das hört sich alles etwas vertraut an. Aber es hat einige Besonderheiten:
- Alle bleiben dabei, bis einvernehmlich alle anstehenden Entscheidungen getroffen sind (wie bei Geschworenensitzungen).
- Jeder hat die Pflicht, neue Informationen, die er zB erst auf dem Palaver erfährt, in seine Entscheidungen einzubeziehen, auch als Repräsentant. Dabei sind sachliche Argumente und persönliche Befindlichkeiten gleichrangig wichtig.
- Die Repräsentanten werden von ihrem Kreis mit der Befugnis ausgestattet, getroffene Entscheidungen aufgrund neuer Informationen auch zu revidieren, und zwar in dem vermuteten Sinne der Repräsentierten.
- Entscheidungen werden als Prozess begriffen, um einen Konsens zu finden, dem sich alle Beteiligten, auch die Abwesenden in Vermutung, anschließen können.

Vertreter dieses politischen Systems argumentieren (mMn zu Recht), dass in der Demokratie ein Zusammenleben unter Entscheidungen, die von schlimmstenfalls 51 von 100 Leuten getroffen wurden, immer eine Opposition von immerhin 49 Leuten unter der Entscheidung leiden und gegen sie kämpfen oder sie mürrisch ignorieren oder sich gleich ganz aus den Entscheidungsprozessen ausklinken. Was ja so ist.
In einer Palaverdemokratie wird nicht nur gefragt: Wollt Ihr den oder den da oben? Sondern alle sind auch inhaltlich in die Entscheidungsprozesse einbezogen und tragen, da ihre Meinung gehört und verstanden wurde, auch Entscheidungen mit, die anders ausfallen. Und sei es nur, dass sie sagen: Das ist so komplex, da beauftrage ich den und den, sich da einzuarbeiten und die Entscheidung zu vertreten.

Solch ein System setzt natürlich einen ganz anderen persönlichen Reifegrad voraus als das gegenwärtige, wo man nur zum Termin zur Wahlurne finden und paar Kreuzels machen muss.
Nämlich aktives Interesse und Engagement (ok, einmal die Woche einige Stunden, sofern man nicht Repräsentant ist), Ausbildung der Denk- und Argumentationsfähigkeit, einigermaßen frei sein von persönlichen Defiziten wie unterschwelliger Gier oder Manipulationssucht etc. Eigene und mitmenschliche Interessen gleichermaßen berücksichtigen und abwägen können. Einsichtsfähigkeit und Weitsicht, was die Folgen der Entscheidungsmöglichkeiten betrifft etc.

Damit das klappt im großen Stil, müßten wir das allerdings schon im Elternhaus und dann in der Schule auch vorgelebt bekommen. Was natürlich der Haken an der Sache ist.

Und für akute Notfälle muss natürlich ein flutschendes Entscheidungssystem vorhanden sein, dessen Struktur aber wiederum im Konsens beschlossen werden könnte (die Strategien überlegt man sich ja nicht erst, wenn die Schlacht schon begonnen hat).
Anneli schrieb:Und für akute Notfälle muss natürlich ein flutschendes Entscheidungssystem vorhanden sein, dessen Struktur aber wiederum im Konsens beschlossen werden könnte (die Strategien überlegt man sich ja nicht erst, wenn die Schlacht schon begonnen hat).

Doch, und gerade da zeigt sich Führungskompetenz!

Lagen sind dynamisch und verlangen einen ständigen Regelkreis der Entscheidungsfindung. Jede Lage verlangt nach einer eigenen Behandlung und jede Lageänderung eine entsprechende Reaktion darauf.

Was man machen kann, ist die Leute auf verschiedene Modelle einzuüben, kleine Teile der Handlung durchzuspielen. Man baut sozusagen die Einzelteile der Reaktion wie die Steine bei Lego. Wie dann die einzelnen Teile zusammengesetzt werden und welche Farbe man verwendet, ob man sie vielleicht zurechtfeilen muss, entscheidet erst die Lage.

Beispiel: Jeder Sani bekommt eine Ausbildung in Medizin und auch in Einsatztaktik, mit zunehmender Ausbildung bekommt er so immer mehr Kompetenz und Verantwortung.

Aufgabe des Gruppenführers ist es, seine Leute zu kennen und sie in Trupps einzuteilen, denen er Aufträge erteilt. Er wiederum bekommt seine Aufträge vom Zugführer zugeteilt, der jedoch nicht mehr die Leute kennt, sondern nur noch die Möglichkeiten, die die Gruppe hat. Er entscheidet also nicht mehr personenbezogen sondern im besten Sinne taktisch in dem er z.B. einer Transportgruppe einen Transportauftrag erteilt und der Sanitätsgruppe einen Auftrag, die antransportierten Patienten zu versorgen.

Zeigt sich nun, dass eine Lage sich anders entwickelt, als ursprünglich gedacht, ändert er nur die Verteilung der Aufträge bzw. deren Priorität. Da können auch mal sehr üble Entscheidungen nötig werden, wie z.B. der LNA, der die Einteilung der Patienten in die sogenannte "blaue Gruppe" freigibt. Dabei werden Patienten in eine Gruppe eingeteilt, die "abwartende Behandlung" genannt wird. Sind viele sehr schwer betroffene Patienten vorhanden, so kann die Helferzahl und das Material nicht mehr ausreichend sein, sie alle optimal zu versorgen. Dann wird jemand z.B. nicht mehr reanimiert, da die Reanimation zu viele Kapazitäten binden würde und dadurch viele Andere gar nicht mehr versorgt werden könnten und dadurch vielleicht sterben oder schwer geschädigt werden. Und hier will natürlich keiner diese Kategorie auch nur eine Sekunde zu lange aufrecht erhalten. Kommen also neue Kräfte oder Material zur Einsatzstelle, würde kurz abgewägt und diese Einteilung so schnell wie möglich wieder rückgängig gemacht werden.

Man hat für solche Einsätze nur ein ganz grobes Gerüst, das man dann immer der jeweiligen Situation entsprechend mit Leben füllen muss.

Was die "Konsensdemokratie" betrifft, sehe ich hier ein großes Problem: Jeder müsste auch entsprechend kompetent sein, solche Dinge zu diskutieren. Und wenn ich mir ansehe, dass viele nicht mal mehr in der Lage sind, einen vernünftigen deutschen Satz zu formulieren, sehe ich für die (an sich nicht dumme Idee einer) Palaverdemokratie eher schwarz... Leider!

LG

Alfons
Gatling schrieb:sehe ich für die (an sich nicht dumme Idee einer) Palaverdemokratie eher schwarz... Leider!
Ich ja leider auch, auch wenn ich mich in meinem Tätigkeitsfeld dafür engagiere.

Davon ab: Ich finde, Du klebst etwas zu sehr an Deinem Erfahrungsbereich. Der ist aber von Akutentscheidungsnotwendigkeiten geprägt, also von Notfall-Maßnahmen. Und das Prinzip läß sich, ähnlich wie die Weisungsstrukturen beim Militär, mMn nicht ohne Weiteres auf alles anwenden; dadurch entsteht ein verzerrtes Bild.

Ob ich einen Teich mit funktionierendem Ökosystem heute oder in zwei Wochen unterpflügen lasse, weil ich ein Haus genau da bauen will oder meine Rinder da auf die Weide treiben will, kann in Ruhe entschieden werden.
In einer Konsensdemokratie würden sich die Entscheidungsträger auch gegen zeitlichen "gemachten" Entscheidungsdruck verwahren ("Das günstige Angebot des Bauunternehmens gilt aber nur bis übermorgen").

Und: Ja, auch wenn ein kleines Mädchen sagt: Ich will das nicht, weil ich da im Sommer immer die Blumen und Schmetterlinge besuche, die würden mir fehlen! Oder der Öko, der darlegt, was dann an Arten aus der Umgebung verschwindet: Solche Aspekte müßte ich dann auch als Besitzer in mir bewegen und abwägen.
Nun, "Führung" ist nunmal in diesen Bereichen am schönsten und klarsten definiert. Deshalb finde ich diese Art auch ganz gut geeignet, um den Begriff und die Probleme dahinter gut darzustellen.

Dass sich die Führung im "normalen" Leben aber davon unterscheiden wird, ist mir auch klar. Letztenendes ist es aber zumeist so, dass sich die Grundstrukturen in anderen Bereichen, wenn auch abgewandelt, wiederfinden.

Ursprünglich ging es ja um eine mehr oder minder totale Ablehnung einer Führung bzw. der Notwendigkeit von Führung. Ich wollte nur darstellen, dass Führen durchaus sinnvoll ist!

LG

Alfons
Anneli schrieb:
Gatling schrieb:sehe ich für die (an sich nicht dumme Idee einer) Palaverdemokratie eher schwarz... Leider!
Ich ja leider auch, auch wenn ich mich in meinem Tätigkeitsfeld dafür engagiere.

Ob ich einen Teich mit funktionierendem Ökosystem heute oder in zwei Wochen unterpflügen lasse, weil ich ein Haus genau da bauen will oder meine Rinder da auf die Weide treiben will, kann in Ruhe entschieden werden.

Es muss ja nicht für alle Situationen die gleichen Entscheidungsstrukturen geben. Gibt es ja jetzt auch nicht. Auch im gegenwärtigen System wird im Notfall anders vorgegangen als eben bei Entscheidungen, die Zeit haben.
Und ja, das habe ich ja auch schon angemerkt, dass die derzeitigen Erziehungsstrukturen leider ganz und gar nicht auf selbständiges Denken ausgerichtet sind.
Und freilich sind Fachleute dennoch notwendig, weil sich einfach nicht jeder in jedem Bereich auskennen kann, und letztendlich läuft es auch bei der Palaverdemokratie (oder Basisdemokratie, wie ich das nennen würde) darauf hinaus, dass der eine überzeugender ist als der andere.
Das Problem auch bei der Palaverdemokratie entsteht aber wiederum in den höheren Ebenen. Die Repräsentanten der Repräsentanten der Repräsentanten - das sind jetzt halt unsere Regierungsmitglieder. Und die bauen Sch... (oops), weil sie viel zu weit weg sind von der Basis. Wie sich dieses Problem allerdings bewältigen lässt, ist mir nicht klar.

Livia
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